Newgate um 1810
Ein Student betritt Newgate
Horatio, ein junger Jurastudent, stand vor den gewaltigen, fensterlosen, rußgeschwärzten Mauern des Londoner Gefängnisses Newgate, das er gleich betreten würde. Er fragte sich zum wiederholten Mal, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, sich auf dieses Abenteuer einzulassen.
Der Gestank, der aus den engen Straßen und von den nahen Wasserläufen herüber wehte, verstärkte sein beklemmendes Gefühl.
Horatio hatte bereits einige Male den Old Bailey besucht und kannte die Namen mancher Richter und Anwälte. Doch das Gefängnis, in dem die Angeklagten vor und nach ihren Verhandlungen untergebracht wurden, hatte er bisher nur von außen gesehen.
Der Wärter Hodges, mit dem er verabredet war, öffnete das eisenbeschlagene Tor und ließ ihn ein. Unauffällig wechselten ein paar kleine Münzen dabei den Besitzer.
Als sich das schwere Tor hinter ihnen schloß, schien das Licht des Tages zu verschwinden.
Vor ihm und dem Gefängniswärter lagen kalte Steinmauern, dumpfe Stimmen und der Geruch von feuchtem Holz, Rauch und ungewaschenen Menschen.
„Das ist also Newgate“, sagte Horatio leise.
Hodges sah ihn von der Seite an. „Newgate, Sir. Aber nicht das Newgate.“
Horatio runzelte die Stirn.
„Sie werden gleich feststellen, dass hier jeder seinen Platz hat.“
Wer in Newgate inhaftiert wurde, ließ nicht nur seine Freiheit zurück, sondern betrat eine Welt mit eigenen Gesetzen. Hinter den erdrückenden Mauern verbarg sich eine kleine Stadt mit eigenen Höfen, Gängen und Unterkünften. Jeder Bereich war einer bestimmten Gruppe von Gefangenen zugewiesen; wenigstens auf dem Papier.
„Sie werden hier allerlei Leute finden, Sir. Für manche ist Newgate nur ein Aufenthalt auf dem Weg zum Old Bailey. Für andere endet der Weg hier.“
Horatio sah sich in dem Vorraum um und entdeckte eine Holztafel, die mit Kohle beschrieben war und aussah wie eine Preisliste. Eine ähnliche Tafel hatte er im Gebäude des Strafgerichts Old Bailey schon einmal gesehen.
Horatio deutete darauf. „Eine Preisliste? Wofür ist das?“
„Das ist die übliche Gebührenordnung.“
„Gibt es denn eine unübliche?“
„Die haben Sie gerade bezahlt, Sir.“
Horatio begann zu verstehen, dass Newgate nicht nur ein Gefängnis war.
„Kommen Sie, Sir, hier entlang.“
Hodges führte seinen Besucher tiefer ins Gebäude und bog nach wenigen Metern links ab.

Horatio hatte eiserne Gitterstäbe erwartet. Stattdessen sah er mehrere Zellen mit Holztüren, die nicht verschlossen waren und Licht in die Zellen fallen ließ. Er konnte einen Mann beim Schneidern erkennen, einen anderen ein Stück Leder bearbeiten und ein weiterer saß sogar vor seiner Zelle an einem kleinen Tisch und las bei zusätzlichem Kerzenlicht in einem Buch. Sein Gehrock war etwas zerknittert, aber von guter Qualität.
„Das sieht hier sehr zivil aus,“ bemerkte Horatio überrascht.
„Die Master’s Side, Sir. Hier ist Newgate viel angenehmer. Wenigstens für die, die Geld haben. Dann bekommen sie alles. Na ja, fast alles.“
Er nickte in Richtung Pemberton, der kurz aufgesehen hatte und sich weiter seiner Lektüre widmete.
„Pemberton ist Kaufmann, recht wohlhabend. Bekommt regelmäßig seine Zeitung und Briefpapier. Er führt seine Geschäfte von hier aus weiter.“
„Zeitungen und Briefpapier stehen aber nicht auf der Gebührenliste.“
„Nein, Sir, nicht auf der regulären.“
Horatio sah zu den beiden anderen Zellen hinüber. „Und die beiden? Sind das Gefangene?“
„Ganz recht, Sir.“
„Was machen die da?“
„Sie gehen ihrem Handwerk nach und verdienen sich ihren Unterhalt.“
„Gefangene dürfen hier arbeiten?“
Hodges zuckte mit den Schultern. „Wenn sie und ihre Tätigkeit nicht gefährlich sind.“
„Und bezahlen können, inoffiziell,“ ergänzte Horatio spontan.
Hodges herbes Gesicht verzog sich zu einem kleinen schiefen Grinsen, erwiderte aber nichts.
Während Hodges zum nächsten Trakt weiter ging, wurde Horatio klar, dass er gerade einen winzigen Einblick in ein System bekommen hatte, hinter dem sich Erpressung, Bestechung und Korruption verbargen und sich ein erheblicher Schwarzmarkt etabliert hatte. Da die Wärter und Wachen kaum kontrolliert wurden, ließ sich im Grunde jedes Gesetz und jede Gefängnisregel umgehen.
„Die hier sind wegen ihrer Schulden hier.“ Hodges deutete auf einen Zellenblock.
„Da ist alles drunter. Kaufleute und Händler, die Pech hatten, Tagelöhner und Männer, die ihren Lohn verspielt oder versoffen haben.“
Beim Wort „Schulden“ schluckte Horatio mühsam. Eindringlich wurde ihm bewußt, dass er seine Studiengebühr noch nicht bezahlt hatte und dass auch er hier enden könnte.
In dem Gewirr aus Menschen konnte er Gefangene und Besucher nicht unterscheiden. Es roch nach Schweiß und fauligem Abfall, nach Bier und billigem Gin. Er spürte eine Welle von Übelkeit in sich aufsteigen. Der Schmutz und der Unrat auf der Schuldnerseite wurden durch die ständige Überfüllung noch verstärkt.
Am Rand der Menschenmenge bahnte sich eine Prügelei an. Frauen, die in der Nähe standen, kreischten auf.
Zwei Wächter eilten herbei, um die Schläger auseinander zu bringen.
„Kommt das oft vor, solche Schlägereien?“
„Hin und wieder,“ antwortete Hodges und meinte dabei täglich. „Vor allem bei Neulingen. Wenn die erstmal drei Tage in Einzelhaft im Dunkeln bei Wasser und Brot verbracht haben, werden sie schon ruhiger.“
„Wie lange bleiben die Schuldner denn im Allgemeinen in Haft?“
„Das läßt sich schwer sagen, Sir. Manche sind nur wenige Tage hier, bis sie ihre Schulden beglichen haben. Bei andern dauert es Wochen oder Monate. Und natürlich kommen sie erst raus, wenn sie ihre Entlassungsgebühr bezahlt haben.“
Horatio folgte dem Wärter nachdenklich in den nächsten Gang.
Bei einer Zelle blieb Hodges kurz stehen und deutete auf einen älteren Mann, der am Rand eines schmalen Brettes saß, das am anderen Ende durch einen Balken begrenzt war.
„Der da wurde geschnappt, als er einen Laib Brot geklaut hat. Jetzt wartet er auf seinen Prozess.“ Er wandte sich ab, um weiter zu gehen.
„Wo schläft der Mann?“
„Er sitzt gerade drauf,“ war die knappe Antwort auf Horatio’s Frage.
Der Gefängniswärter führte Horatio durch einen engen Gang. Rechts und links befanden sich Zellen, in denen sich Menschen drängten.
„Ist es immer so voll hier?“ fragte Horatio befangen.
Hodges brummte. „London hat mehr Verbrecher, als wir aufnehmen können.“
Er schritt ein wenig schneller voran.
„Sie werden sich hier schnell zurechtfinden, Sir“, sagte Hodges. „Wenn Sie wissen, wohin Sie nicht gehen dürfen.“
Dieses Mal verließ Hodges zügig den Bereich der Gefangenen und erklärte Horatio nur kurz, welche Sorte Verbrecher dort untergebracht waren.
Mit Schwerverbrechern und Kleinkriminellen aller Art, die zwangsläufig auf einer sehr begrenzten Fläche zusammengedrängt wurden, war zur Regency-Ära der Zustand von Newgate schlimmer als vor dem Wiederaufbau.
Hodges führte Horatio zu einem Flügel, der noch enger und feuchter wirkte als der Rest.
„Die Frauenabteilung“, murmelte er, und in seiner Stimme lag diesmal echtes Unbehagen. „Ehrlich gesagt, hier drin ist’s am schlimmsten. Über hundert Frauen und Kinder, zusammengepfercht in Räumen, die vielleicht für sechzig gedacht waren.“
Auf den Anblick, der sich Horatio bot, war er nicht gefaßt.
Frauen jeden Alters drängten sich in einem großen, kahlen Raum. Manche hatten Säuglinge im Arm, kleine Kinder klammerten sich an ihre Röcke. Es gab kaum Betten, die meisten schliefen auf blankem Stroh oder dem nackten Steinboden.
Hodges brachte Horatio zu einem kleineren, abgetrennten Bereich, in den er einen Blick werfen durfte. Schon bevor sie diesen Gefängnistrakt erreichten, schallten ihnen anfeuernde Rufe, lautes Gegröle und vereinzeltes Gelächter entgegen. Frauen- und Kinderstimmen mischten sich darunter.
Verwundert sah Horatio den Wärter an.
Hodges zuckte mit den Schultern. „Die hier einsitzen kommen nicht mehr lebend raus.“
Damit schien für ihn alles gesagt zu sein.
„Alle? Auch die Kinder?“
Hodges schüttelte den Kopf. „Familienbesuch.“
Er wandte sich ab und schritt in Richtung Wärterhaus.
Hodges beantwortete seinem Gast noch einige Fragen, dann trat Horatio durch das schwere Tor zurück auf die Straße.
Draußen traf ihn das Tageslicht beinahe schmerzhaft.
Die üblichen Geräusche Londons drangen gedämpft zu ihm durch. Das geschäftige Rufen der Straßenhändler, die klappernden Hufe der Kutschenpferde auf dem Kopfsteinpflaster, die schwatzenden Frauen mit Körben über dem Arm und das Sonnenlicht erschienen ihm fast unwirklich nach dem, was er gesehen hatte.
Vor dem Tor hatte sich eine Traube Menschen versammelt, die eingelassen werden wollten. Es war eine gemischte Gruppe.
Männer in Handwerkerkleidung; ein paar wenige, die wohlhabender gekleidet waren; zwei Männer in Talaren.
Auch Geistliche waren darunter und ein paar Frauen; manche mit Kindern an ihrer Seite.
Einige würden hineingehen, um jemanden zu besuchen. Andere würden jemanden abholen.
Horatio blieb einen Moment stehen.
Er dachte an den Mann auf der Holzpritsche.
An die Kinder im Middle Yard.
An Pemberton auf der Master’s Side.
An die Menschen im Press Yard, die auf den Tag warteten, an dem man ihnen die Eisen abnahm und sie zum Galgen führte.
Bis dahin hatte Horatio Newgate als einen Ort betrachtet, an dem Gefangene auf ihr Urteil warteten.
Nun begriff er, dass das nur ein Teil der Geschichte war.
Newgate war Zwischenstation, Verwahrungsort, Schuldnergefängnis und Todestrakt zugleich.
Menschen kamen hierher, nachdem sie verhaftet worden waren.
Sie warteten auf die Verhandlung am Old Bailey, auf ein Urteil, auf eine Strafe oder auf ihre Freilassung.
Manche wurden freigesprochen. Andere zu einer Haftstrafe verurteilt.
Manche warteten auf den Transport in die Kolonien. Und manche gingen vom Press Yard aus ihren letzten Weg.
Für Horatio hatte der Besuch mit einem Blick hinter Mauern begonnen.
Er endete mit einer Erkenntnis, die ihm während seines Jurastudiums vermutlich niemand so deutlich vermittelt hatte:
Ein Urteil begann nicht erst im Gerichtssaal.
Für viele Londoner begann die Geschichte ihres Verfahrens in Newgate.
Und dort konnte bereits entschieden werden, wie viel Raum, Wärme, Essen, Gesellschaft und sogar Würde ihnen während des Wartens blieb.
