·

Newgate um 1810

Ein Student betritt Newgate

Horatio, ein junger Jurastudent, stand vor den gewaltigen, fensterlosen, rußgeschwärzten Mauern des Londoner Gefängnisses Newgate, das er gleich betreten würde. Er fragte sich zum wiederholten Mal, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, sich auf dieses Abenteuer einzulassen.
Der Gestank, der aus den engen Straßen und von den nahen Wasserläufen herüber wehte, verstärkte sein beklemmendes Gefühl.

Newgate lag an der Ecke von Newgate Street und Old Bailey im Herzen der City of London. Westlich davon befand sich das Gebiet des Fleet River.
Für die Bewohner Londons gehörte der Fleet zu den berüchtigten Geruchsquellen der Stadt. Abwasser, Abfälle und der dichte Verkehr machten die Gegend um Newgate nicht gerade zu einem angenehmen Aufenthaltsort.

Horatio hatte bereits einige Male den Old Bailey besucht und kannte die Namen mancher Richter und Anwälte. Doch das Gefängnis, in dem die Angeklagten vor und nach ihren Verhandlungen untergebracht wurden, hatte er bisher nur von außen gesehen.
Der Wärter Hodges, mit dem er verabredet war, öffnete das eisenbeschlagene Tor und ließ ihn ein. Unauffällig wechselten ein paar kleine Münzen dabei den Besitzer.

Als sich das schwere Tor hinter ihnen schloß, schien das Licht des Tages zu verschwinden.
Vor ihm und dem Gefängniswärter lagen kalte Steinmauern, dumpfe Stimmen und der Geruch von feuchtem Holz, Rauch und ungewaschenen Menschen.

„Das ist also Newgate“, sagte Horatio leise.
Hodges sah ihn von der Seite an. „Newgate, Sir. Aber nicht das Newgate.“
Horatio runzelte die Stirn.
„Sie werden gleich feststellen, dass hier jeder seinen Platz hat.“

Wer in Newgate inhaftiert wurde, ließ nicht nur seine Freiheit zurück, sondern betrat eine Welt mit eigenen Gesetzen. Hinter den erdrückenden Mauern verbarg sich eine kleine Stadt mit eigenen Höfen, Gängen und Unterkünften. Jeder Bereich war einer bestimmten Gruppe von Gefangenen zugewiesen; wenigstens auf dem Papier.

„Sie werden hier allerlei Leute finden, Sir. Für manche ist Newgate nur ein Aufenthalt auf dem Weg zum Old Bailey. Für andere endet der Weg hier.“

Newgate war Londons Hauptgefängnis und damit eine Sammelstelle für
Straftäter aller Art. Verdächtige, die in Untersuchungshaft genommen wurden;
Menschen, die ihre Rechnungen nicht bezahlen konnten;
überführte Täter, die entweder noch auf ihren Prozess warteten oder schon verurteilt waren und ihre Haftstrafe absaßen. 

Horatio sah sich in dem Vorraum um und entdeckte eine Holztafel, die mit Kohle beschrieben war und aussah wie eine Preisliste. Eine ähnliche Tafel hatte er im Gebäude des Strafgerichts Old Bailey schon einmal gesehen.

Horatio deutete darauf. „Eine Preisliste? Wofür ist das?“
„Das ist die übliche Gebührenordnung.“
„Gibt es denn eine unübliche?“
„Die haben Sie gerade bezahlt, Sir.“

Horatio begann zu verstehen, dass Newgate nicht nur ein Gefängnis war.

Es funktionierte zugleich als ein Wirtschaftsbetrieb, der an seinen Insassen verdiente. Es finanzierte sich über ein System, das auf Gebührenzahlungen der Gefangenen und den Kauf von Ämtern basierte.
Der Staat oder die City of London zahlte den Wärtern oft kein festes Gehalt, sondern diese mussten sich das Recht zur Führung des Gefängnisses durch Pachtzahlung erkaufen. Um diese Ausgaben zu kompensieren und einen Verdienst zu erzielen, forderten die Wärter von den Insassen für so gut wie jede alltägliche Leistung eine entsprechende Bezahlung.
Die City of London, die Betreiberin des Gefängnisses, bezahlte aus Steuern und städtische Abgaben nur die Gehälter der wenigen offiziellen Posten sowie die Instandhaltung der dicken Außenmauern.

Schon beim Betreten des Gefängnisses wurde eine offizielle Gebühr fällig, nur um registriert und eingelassen zu werden.
Einen Teil dieser Gebühr erhielten die Wärter, einen anderen Anteil bekamen die bereits einsitzenden Gefangenen der Zelle.

Wer nicht bezahlen konnte, dem drohte sofort die Unterbringung in einem „Tangier“ genannten Bereich, den schmutzigsten, überfülltesten Teil des Gefängnisses. Gerade die Mittellosen erhielten keinen Anteil an den wenigen Wohltätigkeitsspenden und mussten oft auf dem nackten Boden schlafen.
Wer absolut kein Geld für das Garnish hatte, dem nahmen die Mithäftlinge oder Wärter unter Zwang die Kleidung oder die Schuhe ab, um diese zu verkaufen und die Gebühr zu begleichen.

Wer die Gebühr entrichten konnte, landete in der „Common Side“, dem Gemeinschaftsbereich, und war auf minimale, oft unzureichende Essenrationen und Spenden angewiesen.

Wer Geld hatte, konnte sich in die bessere „Master’s Side“ einkaufen.

Das Tragen von schweren Beineisen war für viele Häftlinge üblich. Die Wärter machten daraus ein florierendes Geschäft. Gegen Bezahlung wurden den Gefangenen leichtere Fußfesseln angelegt oder für einen Gerichtstermin ganz abgenommen

„Kommen Sie, Sir, hier entlang.“
Hodges führte seinen Besucher tiefer ins Gebäude und bog nach wenigen Metern links ab. 

Horatio hatte eiserne Gitterstäbe erwartet. Stattdessen sah er mehrere Zellen mit Holztüren, die nicht verschlossen waren und Licht in die Zellen fallen ließ. Er konnte einen Mann beim Schneidern erkennen, einen anderen ein Stück Leder bearbeiten und ein weiterer saß sogar vor seiner Zelle an einem kleinen Tisch und las bei zusätzlichem Kerzenlicht in einem Buch. Sein Gehrock war etwas zerknittert, aber von guter Qualität.

„Das sieht hier sehr zivil aus,“ bemerkte Horatio überrascht.
„Die Master’s Side, Sir. Hier ist Newgate viel angenehmer. Wenigstens für die, die Geld haben. Dann bekommen sie alles. Na ja, fast alles.“
Er nickte in Richtung Pemberton, der kurz aufgesehen hatte und sich weiter seiner Lektüre widmete.

„Pemberton ist Kaufmann, recht wohlhabend. Bekommt regelmäßig seine Zeitung und Briefpapier. Er führt seine Geschäfte von hier aus weiter.“
„Zeitungen und Briefpapier stehen aber nicht auf der Gebührenliste.“
„Nein, Sir, nicht auf der regulären.“

Die Existenz dieser exklusiveren Gefängnistrakte war keine Erfindung korrupter Wärter, sondern fester Bestandteil der offiziellen Gefängnisarchitektur. Das Gesetz sah vor, dass Gefangene je nach sozialem Status und Zahlungsfähigkeit getrennt untergebracht werden durften.

Die Common Side war für die Mittellosen bestimmt, während zahlungskräftige Gefangene Zugang zur Master’s Side erhielten.
Noch bessere Unterkünfte bot die State Side, für die entsprechend höhere Gebühren verlangt wurden. Um diesen fast luxuriösen Bereich einzurichten, wurde unrechtmäßig der Bereich der weiblichen Verbrecher verkleinert, die dadurch noch beengter hausen mussten.

Häftlinge, die über genügend Geldmittel verfügten, konnten eine gewisse Bequemlichkeit erwerben. Die Eintrittsgebühr in die „Master’s Side“ betrug
13 Schilling und 6 Pence.

Knapp 13 Schilling entsprachen in etwa dem Wochenlohn eines einfachen Arbeiters. Dafür konnte man mehrere Wochen lang Grundnahrungsmittel wie Brot, Fleisch und Bier für eine kleine Familie kaufen.

Für Kohle, Kerzen, Teller und Besteck wurde eine halbe Guinee (10 Schilling und 6 Pence) berechnet, das der Steward regelmäßig einsammelte.
Wer zahlte, hatte Wärme und Licht, während der Rest des Gefängnisses nachts in eisiger Dunkelheit lag.

Ausser der regulären Brotration erhielten sie nichts an Lebensmitteln. Dafür mussten die Insassen dieses Gefängnisteils selbst, ihre Familien oder Freunde sorgen.
Jeder, der es sich leisten konnte, wechselte dennoch gerne auf die Master’s Side, denn es war die einzige Möglichkeit, dem Elend der gemeinsamen Höfe zu entgehen. 

Horatio sah zu den beiden anderen Zellen hinüber. „Und die beiden? Sind das Gefangene?“
„Ganz recht, Sir.“
„Was machen die da?“
„Sie gehen ihrem Handwerk nach und verdienen sich ihren Unterhalt.“
„Gefangene dürfen hier arbeiten?“
Hodges zuckte mit den Schultern. „Wenn sie und ihre Tätigkeit nicht gefährlich sind.“
„Und bezahlen können, inoffiziell,“ ergänzte Horatio spontan.
Hodges herbes Gesicht verzog sich zu einem kleinen schiefen Grinsen, erwiderte aber nichts.

Während Hodges zum nächsten Trakt weiter ging, wurde Horatio klar, dass er gerade einen winzigen Einblick in ein System bekommen hatte, hinter dem sich Erpressung, Bestechung und Korruption verbargen und sich ein erheblicher Schwarzmarkt etabliert hatte. Da die Wärter und Wachen kaum kontrolliert wurden, ließ sich im Grunde jedes Gesetz und jede Gefängnisregel umgehen.

„Die hier sind wegen ihrer Schulden hier.“ Hodges  deutete auf einen Zellenblock.
„Da ist alles drunter. Kaufleute und Händler, die Pech hatten, Tagelöhner und Männer, die ihren Lohn verspielt oder versoffen haben.“

Beim Wort „Schulden“ schluckte Horatio mühsam. Eindringlich wurde ihm bewußt, dass er seine Studiengebühr noch nicht bezahlt hatte und dass auch er hier enden könnte.

In dem Gewirr aus Menschen konnte er Gefangene und Besucher nicht unterscheiden. Es roch nach Schweiß und fauligem Abfall, nach Bier und billigem Gin. Er spürte eine Welle von Übelkeit in sich aufsteigen. Der Schmutz und der Unrat auf der Schuldnerseite wurden durch die ständige Überfüllung noch verstärkt.
Am Rand der Menschenmenge bahnte sich eine Prügelei an. Frauen, die in der Nähe standen, kreischten auf.
Zwei Wächter eilten herbei, um die Schläger auseinander zu bringen.

Anders als heute wurden Schuldner im frühen 19. Jahrhundert häufig gemeinsam mit Straftätern inhaftiert.


Ein Schuldner konnte jemand sein,

  • dessen Geschäft gescheitert war,
  • der eine Bürgschaft nicht erfüllen konnte,
  • der seine Gläubiger nicht bezahlen konnte,
  • oder schlicht Opfer wirtschaftlicher Umstände geworden war.

Die Schuldnerseite war tagsüber keineswegs von der Außenwelt abgeschnitten. Jeden Morgen strömten Hunderte Besucher in das Gefängnis, verbrachten dort den Tag mit ihren Angehörigen und verließen Newgate erst wieder am Abend. Zeitweise sollen bis zu zweihundert Menschen gleichzeitig die Schuldnerhöfe verlassen haben. Während dieses ständigen Kommens und Gehens gelangten nicht nur Lebensmittel und Nachrichten, sondern auch Alkohol und andere verbotene Dinge hinter die Gefängnismauern.

Eine rudimentäre Ordnung wurde dadurch aufrechterhalten, dass der Gefängnisdirektor einige Gefangene als ‚Stewards‘ einsetzte und ihnen weitreichende Befugnisse übertrug. Sie verteilten die Essensrationen, entschieden über die Vergabe gelegentlicher Almosen und Zuwendungen aus dem Wohltätigkeitsfonds und kassierten das sogenannte Garnish, eine Gebühr, die von jedem Neuankömmling verlangt wurde.

„Kommt das oft vor, solche Schlägereien?“
„Hin und wieder,“ antwortete Hodges und meinte dabei täglich. „Vor allem bei Neulingen. Wenn die erstmal drei Tage in Einzelhaft im Dunkeln bei Wasser und Brot verbracht haben, werden sie schon ruhiger.“
„Wie lange bleiben die Schuldner denn im Allgemeinen in Haft?“
„Das läßt sich schwer sagen, Sir. Manche sind nur wenige Tage hier, bis sie ihre Schulden beglichen haben. Bei andern dauert es Wochen oder Monate. Und natürlich kommen sie erst raus, wenn sie ihre Entlassungsgebühr bezahlt haben.“ 

Jeder Gefangene durfte das Gefängnis erst verlassen, wenn er seine

Entlassungsgebühr an den Wärter bezahlt hatte.Selbst wenn ein Angeklagter vor dem Gericht im Old Bailey für unschuldig erklärt oder freigesprochen wurde, brachten die Wärter ihn zurück nach Newgate. Er blieb so lange in einer Zelle eingesperrt, bis er oder seine Familie die Entlassungsgebühr aufbringen konnte. Wer arm war, blieb oft monatelang wegen dieser Schulden im Gefängnis.

Horatio folgte dem Wärter  nachdenklich in den nächsten Gang. 
Bei einer Zelle blieb Hodges kurz stehen und deutete auf einen älteren Mann, der am Rand eines schmalen Brettes saß, das am anderen Ende durch einen Balken begrenzt war.
„Der da wurde geschnappt, als er einen Laib Brot geklaut hat. Jetzt wartet er auf seinen Prozess.“ Er wandte sich ab, um weiter zu gehen.
„Wo schläft der Mann?“
„Er sitzt gerade drauf,“ war die knappe Antwort auf Horatio’s Frage.

Die übliche Schlafstätte bestand aus zwei Decken und einem einfachen , rauen

Holzbrett, an dessen einem Ende ein Holzbalken quer als Kopfstütze angebracht war. Jedem Gefangenen stand dabei eine Liegefläche von nicht ganz einem halben Meter Breite zur Verfügung.
Wer nicht auf dem Boden schlafen wollte, musste dafür zahlen.
Für ein eigenes Bett und Bettzeug waren pro Woche zweieinhalb Schilling zu entrichten.

Der Gefängniswärter führte Horatio durch einen engen Gang. Rechts und links befanden sich  Zellen, in denen sich Menschen drängten.
„Ist es immer so voll hier?“ fragte Horatio befangen.
Hodges brummte. „London hat mehr Verbrecher, als wir aufnehmen können.“ 
Er schritt ein wenig schneller voran.
„Sie werden sich hier schnell zurechtfinden, Sir“, sagte Hodges. „Wenn Sie wissen, wohin Sie nicht gehen dürfen.“

Der Kapellenhof bestand aus fünf Trakten, die für siebzig Gefangene ausgelegt waren, aber oft weit mehr beherbergten. Im Kapellentrakt wurden im Grunde alle Täter untergebracht.  Die Schwere des Verbrechens spielte dabei keine Rolle. Somit vermischten sich Taschendiebe, Einbrecher, Betrüger, Totschläger und Mörder im selben Bereich.
Erst 1812 wurde der Kapellenhof als eigener Bereich für Untersuchungshäftlinge eingerichtet, die aber nur Nachts dort untergebracht wurden. Tagsüber vermischten sich die verschiedenen Gruppen weiterhin.

Der mittlere Hof mit fünf Sälen zur Massenunterbringung war für Straftäter vorgesehen , die als weniger gefährlich galten.
Darunter fielen auch straffällige Kinder und Jugendliche ab einem Alter von neun Jahren, für die es keine eigenen Gerichte oder ein anderes Strafmaß gab.
Wer dazu verurteilt war, seine Strafe in den Kolonien zu verbüßen, wartete in diesem Bereich auf seinen Transport, manchmal Monate lang. Während dieser Zeit füllte sich der Gefängnisbereich regelmäßig über seine geplante Aufnahmekapazität.

waren, aber oft weit mehr beherbergten. Im Kapellentrakt wurden im Grunde alle Täter untergebracht.  Die Schwere des Verbrechens spielte dabei keine Rolle. Somit vermischten sich Taschendiebe, Einbrecher, Betrüger, Totschläger und Mörder im selben Bereich.
Erst 1812 wurde der Kapellenhof als eigener Bereich für Untersuchungshäftlinge eingerichtet, die aber nur Nachts dort untergebracht wurden. Tagsüber vermischten sich die verschiedenen Gruppen weiterhin.

Der mittlere Hof mit fünf Sälen zur Massenunterbringung war für Straftäter vorgesehen , die als weniger gefährlich galten.
Darunter fielen auch straffällige Kinder und Jugendliche ab einem Alter von neun Jahren, für die es keine eigenen Gerichte oder ein anderes Strafmaß gab.
Wer dazu verurteilt war, seine Strafe in den Kolonien zu verbüßen, wartete in diesem Bereich auf seinen Transport, manchmal Monate lang. Während dieser Zeit füllte sich der Gefängnisbereich regelmäßig über seine geplante Aufnahmekapazität.

Dieses Mal verließ Hodges zügig den Bereich der Gefangenen und erklärte Horatio nur kurz, welche Sorte Verbrecher dort untergebracht waren.
Mit Schwerverbrechern und Kleinkriminellen aller Art, die zwangsläufig auf einer sehr begrenzten Fläche zusammengedrängt wurden, war zur Regency-Ära der Zustand von Newgate schlimmer als  vor dem Wiederaufbau.

Die Verbrecherseite von Newgate bestand aus sechs Trakten und zugehörigen Höfen. Dort wurden zeitweise verschiedene Gruppen von Insassen wahllos zusammengeworfen.
Junge und Alte, Untersuchungshäftlinge , Kleinkriminelle aller Art und Schwerverbrecher wurden auf einer sehr begrenzten Fläche zusammengedrängt.

Jeder wartete auf etwas. Auf den Prozessbeginn, das Ende der Haftstrafe, auf den Abtransport in die Kolonien oder auf die Hinrichtung.

Die Trakte der weiblichen Verbrecher waren stets bis zum Bersten überfüllt.
Für zahlungskräftige Frauen gab es ebenfalls eine „Master’s Side“. Im gemeinsamen Hof jedoch trafen sich wie bei den Männern alle Sorten von Verbrecherinnen.
Zum Tode verurteilte Frauen wurden erst mit dem konkreten Hinrichtungsbefehl in einen Raum in der Arkade des mittleren Hofes untergebracht.

Hodges führte Horatio zu einem Flügel, der noch enger und feuchter wirkte als der Rest.

„Die Frauenabteilung“, murmelte er, und in seiner Stimme lag diesmal echtes Unbehagen. „Ehrlich gesagt, hier drin ist’s am schlimmsten. Über hundert Frauen und Kinder, zusammengepfercht in Räumen, die vielleicht für sechzig gedacht waren.“

Auf den  Anblick, der sich Horatio bot, war er nicht gefaßt.

Frauen jeden Alters drängten sich in einem großen, kahlen Raum. Manche hatten Säuglinge im Arm, kleine Kinder klammerten sich an ihre Röcke. Es gab kaum Betten, die meisten schliefen auf blankem Stroh oder dem nackten Steinboden.

Hodges brachte Horatio zu einem kleineren, abgetrennten Bereich, in den er einen Blick werfen durfte. Schon bevor sie diesen Gefängnistrakt erreichten, schallten ihnen anfeuernde Rufe, lautes Gegröle und vereinzeltes Gelächter entgegen. Frauen- und Kinderstimmen mischten sich darunter.

Verwundert sah Horatio den Wärter an.

Hodges zuckte mit den Schultern. „Die hier einsitzen kommen nicht mehr lebend raus.“
Damit schien für ihn alles gesagt zu sein.
„Alle? Auch die Kinder?“
Hodges schüttelte den Kopf. „Familienbesuch.“
Er wandte sich ab und schritt in Richtung Wärterhaus.

Der Press Yard, ein von hohen Steinmauern umgebener Außenbereich, war der wohl makaberste Ort in Newgate.
Sein Name erinnerte an eine ältere, grausame Praxis: die sogenannte Peine forte et dure, bei der Beschuldigte, die sich weigerten zu plädieren, durch Gewichte auf dem Körper zum Tod gepresst werden konnten. Diese Praxis war bereits lange abgeschafft, doch der Name Press Yard blieb bestehen.

Gefangene aller sozialen Schichten, die vom Old Bailey, dem Strafgericht, zum Tode durch den Strang verurteilt worden waren, verbrachten hier ihre letzten Tage oder Wochen, während sie auf die Vollstreckung warteten.

Tagsüber hatten die Gefangenen freien Zugang zum Hof und einem großen Aufenthaltsraum.
Besuchskontrollen gab es so gut wie keine. Familienangehörige, Freunde, Geschäftspartner, Schaulustige und sogar Prostituierte, konnten ohne Einschränkungen zu ihnen.

Auch Alkohol war erhältlich.
Das Gefängnis besaß eine Lizenz für den Ausschank von Bier und Wein und Gefangene durften dort ganz legal Alkohol erwerben.
Hochprozentiger Gin war zwar offiziell verboten, wurde von den Wärtern aber gegen saftige Aufschläge an die Häftlinge verkauft.

Direkt neben dem Hof befanden sich, auf drei Stockwerke aufgeteilt, fünfzehn kahle, dunkle Zellen, in denen die Gefangenen die Nächte verbrachten.
Man ließ sie aus Angst vor Selbstmord nie ganz allein. Dennoch gelang es ihnen häufig, Mittel zur Selbsttötung zu verstecken und ihr Vorhaben auszuführen.

Am Sonntag vor der Urteilsvollstreckung wurde für die zum Tode Verurteilten ein besonderer Gottesdienst abgehalten. Sie saßen in einer offenen, schwarz verhängten Bank und sahen vor sich einen schwarzen Sarg. Für die Gefangenen musste dieser Gottesdienst etwas zutiefst Verstörendes gewesen sein. Sie waren zum Gegenstand eines Schauspiels geworden, das an ihrem Hinrichtungstag seinen Höhepunkt für die Massenbesucher erreichen würde.

Besonders hart war die Situation für die zum Tode verurteilten Mörder.
Sie wurden bis zur Hinrichtung paarweise in den Zellen gehalten und erhielten nur Wasser und Brot. Die Hinrichtung erfolgte gewöhnlich wenige Tage nach der Verurteilung.

Am Morgen eines Hinrichtungstages, der meistens auf einen Montag fiel, wurde der Hof komplett abgesperrt. Dann wurden die verurteilten Häftlinge herausgeführt, der Schmied schlug ihnen die Beineisen ab, und sie traten den Gang zum Galgen an. Sobald die Hinrichtung vorbei und die Toten abtransportiert waren, wurde der Hof wieder geöffnet. Das „Gefängnisleben mit Alkohol und Besuchern ging für die verbliebenen Gefangenen weiter wie zuvor.

Hodges beantwortete seinem Gast noch einige Fragen, dann trat Horatio durch das schwere Tor zurück auf die Straße.
Draußen traf ihn das Tageslicht beinahe schmerzhaft.
Die üblichen Geräusche Londons drangen gedämpft zu ihm durch. Das geschäftige Rufen der Straßenhändler, die klappernden Hufe der Kutschenpferde auf dem Kopfsteinpflaster, die schwatzenden Frauen mit Körben über dem Arm und das Sonnenlicht erschienen ihm fast unwirklich nach dem, was er gesehen hatte.

Vor dem Tor hatte sich eine Traube Menschen versammelt, die eingelassen werden wollten. Es war eine gemischte Gruppe.
Männer in Handwerkerkleidung; ein paar wenige, die wohlhabender gekleidet waren; zwei Männer in Talaren.
Auch Geistliche waren darunter und ein paar Frauen; manche mit Kindern an ihrer Seite.
Einige würden hineingehen, um jemanden zu besuchen. Andere würden jemanden abholen.

Horatio blieb einen Moment stehen.
Er dachte an den Mann auf der Holzpritsche.
An die Kinder im Middle Yard.
An Pemberton auf der Master’s Side.
An die Menschen im Press Yard, die auf den Tag warteten, an dem man ihnen die Eisen abnahm und sie zum Galgen führte.
Bis dahin hatte Horatio Newgate als einen Ort betrachtet, an dem Gefangene auf ihr Urteil warteten.
Nun begriff er, dass das nur ein Teil der Geschichte war.

Newgate war Zwischenstation, Verwahrungsort, Schuldnergefängnis und Todestrakt zugleich.
Menschen kamen hierher, nachdem sie verhaftet worden waren.
Sie warteten auf die Verhandlung am Old Bailey, auf ein Urteil, auf eine Strafe oder auf ihre Freilassung.

Manche wurden freigesprochen. Andere zu einer Haftstrafe verurteilt.
Manche warteten auf den Transport in die Kolonien. Und manche gingen vom Press Yard aus ihren letzten Weg.

Für Horatio hatte der Besuch mit einem Blick hinter Mauern begonnen.
Er endete mit einer Erkenntnis, die ihm während seines Jurastudiums vermutlich niemand so deutlich vermittelt hatte:

Ein Urteil begann nicht erst im Gerichtssaal.

Für viele Londoner begann die Geschichte ihres Verfahrens in Newgate.
Und dort konnte bereits entschieden werden, wie viel Raum, Wärme, Essen, Gesellschaft und sogar Würde ihnen während des Wartens blieb.

Um 1810 geriet dieses korrupte und für mittellose Menschen verheerende System zunehmend unter den Druck von Reformern.

Nur wenige Jahre später sollte ein Untersuchungsausschuss des Unterhauses die Zustände in Newgate untersuchen. Sein Bericht vom 9. Mai 1814 zeichnete ein so düsteres Bild, dass anschließend tatsächlich Reformen eingeleitet wurden. Die State Side wurde abgeschafft, die weiblichen Gefangenen erhielten den ihnen entzogenen Raum zurück, die Privilegien der Master’s Side sollten verschwinden, Gebühren wurden offiziell abgeschafft und auch das Garnish sollte beseitigt werden.

Es dauerte jedoch noch bis zum Jahr 1815, bis dieses System aus legalem Luxus und illegaler Erpressung schrittweise abgeschafft wurde und die Wärter stattdessen feste staatliche Gehälter erhielten.

Vieles blieb dennoch beim Alten. Denn eines konnte man in Newgate nicht einfach abschaffen: den Platzmangel.  Und solange es nicht genügend Platz gab, half auch die schönste Gefängnisordnung nur bedingt.

Das Newgate-Gefängnis wurde 1188 auf Anordnung von König Heinrich II. eingerichtet und diente zunächst dazu, Beschuldigte bis zum Beginn ihres Prozesses zu verwahren.

Newgate erwarb sich im Laufe seiner 700-jährigen Geschichte den Ruf, die berüchtigste Haftanstalt Englands zu sein. Die Zustände galten oft als grausam, unhygienisch und überfüllt. Bereits 1703 erschien eine Schrift über das Gefängnis unter dem bezeichnenden Titel Hell Upon Earth („Hölle auf Erden“).

Das nach dem Großen Brand von London neu errichtete Newgate erwies sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts als viel zu klein. Trotz zahlreicher Erweiterungen überstieg die Zahl der Gefangenen immer wieder die vorhandenen Unterbringungsmöglichkeiten.

Der Große Brand von London begann in der Nacht vom 2. September 1666 in der Bäckerei von Thomas Farriner in der Pudding Lane.
Das Feuer breitete sich wegen der außergewöhnlich trockenen Witterung, eines starken Ostwinds und der dicht gedrängten Fachwerkhäuser rasend schnell aus.
Vier Tage lang brannte die City of London nahezu ununterbrochen.

Der Wiederaufbau sollte das Gefängnis moderner und leistungsfähiger machen. Der Neubau versprach Ordnung und Sicherheit. Ein Versprechen, das Newgate auf Dauer nicht halten konnte.

Während der im Juni 1780 stattfindenden Gordon Riots wurde das Gefängnis ein weiteres Mal durch Feuer zerstört. Es wurde von einem gewalttätigen Mob gestürmt und in Brand gesteckt. Hunderte Gefangene wurden befreit und das Gebäudes brannte vollständig aus.

Kaum ein halbes Jahrhundert nach seinem zweiten Wiederaufbau war das Gefängnis erneut zum Sinnbild von Überfüllung, Krankheit und sozialem Elend geworden.

Wie dramatisch die Überbelegung war, zeigen die Zahlen einzelner Abteilungen.

Die Schuldnerseite war ursprünglich für etwa hundert Menschen ausgelegt, beherbergte regelmäßig jedoch mehr als dreihundert.
Die Frauenabteilung, die Platz für sechzig Gefangene bot, musste jedoch oft doppelt so viele aufnehmen.
Insgesamt sollen sich zeitweise bis zu 1.200 Menschen gleichzeitig in Newgate befunden haben.

Obwohl die Überfüllung seit Jahren bekannt war, blieb Newgate weiterhin überbelegt.

Das änderte sich erst durch die Reformen, die während der Regency-Ära langsam umgesetzt wurden.
Der Common Council setzte einen Ausschuss ein und beschloss unter anderem den Bau eines neuen Gefängnisses für Schuldner.

Buch „Chronicles of Newgate“ von Arthur Griffiths 
Website der Universität Kiel, Fakultät Anglistik 
Offizielle Website des Parlaments von UK    
Website von BBC 
Projektseite „Prison History“ von englischen Historikern