Ein Monat in London – Oktober 1812
London im Oktober 1812. Während in den Regierungszimmern über den Krieg mit Amerika entschieden wurde, öffnete ein traditionsreiches Theater wieder seine Türen. Die Modeblätter zeigten die neueste Garderobe, am Old Bailey beschäftigten gestohlene Luxuswaren die Richter – und im Zuschauerraum von Drury Lane sorgte ein Schultertuch für Aufregung.
1. Oktober 1812 – Die neueste Mode für den Vormittag
Wer wissen wollte, was eine modisch gekleidete Dame tragen sollte, konnte sich bei Rudolph Ackermann informieren. Sein Londoner Verlag in der Strand veröffentlichte regelmäßig kolorierte Modetafeln in der Zeitschrift The Repository of Arts.
Am 1. Oktober erschien die Tafel Morning Costume. Sie zeigt eine sitzende Dame in einem hellen Kleid mit Haube und einem kleinen Beutel als Accessoire. Die Darstellung zeigt, welches Erscheinungsbild die Modezeitschrift ihren Leserinnen empfahl – nicht unbedingt, was jede Londonerin tatsächlich trug.
Morning Costume, 1. Oktober 1812 – Museumsdigitalisat
10. Oktober 1812 – Der Vorhang hebt sich wieder in Drury Lane
Drei Jahre lang hatte London auf die Wiedereröffnung eines seiner berühmtesten Theater warten müssen. Im Februar 1809 war das Theatre Royal, Drury Lane, einem Brand zum Opfer gefallen. Nun stand an seiner Stelle ein Neubau nach den Plänen des Architekten Benjamin Dean Wyatt.
Am Samstag, dem 10. Oktober 1812, öffnete das Theater wieder seine Türen. Auf dem Programm stand Shakespeares Hamlet, und die Titelrolle übernahm Robert William Elliston.
Bevor das Schauspiel begann, trug Elliston eine eigens für den Anlass verfasste Eröffnungsrede vor. Ihr Autor war Lord Byron, der im selben Jahr mit Childe Harold’s Pilgrimage große Aufmerksamkeit erregt hatte. Auch das Gentleman’s Magazine berichtete in seiner Oktoberausgabe über den Neubeginn.
13. Oktober 1812 – Ein Beschluss in Carlton House
Während London sich an seinem wiedereröffneten Theater erfreuen konnte, beschäftigte ein Krieg jenseits des Atlantiks die britische Regierung. Die Vereinigten Staaten hatten Großbritannien im Juni 1812 den Krieg erklärt.
Am 13. Oktober trat der Prinzregent in Carlton House mit seinem Privy Council zusammen und ordnete allgemeine Repressalien gegen amerikanische Schiffe und Güter an. Der Beschluss ermöglichte unter anderem die Ausstellung von Kaperbriefen. Über die Rechtmäßigkeit aufgebrachter Schiffe hatten die zuständigen Admiralitätsgerichte zu entscheiden.
Es handelte sich weder um den Beginn des Krieges noch um eine schrankenlose Erlaubnis zur Plünderung. Der amtliche Text enthielt Ausnahmen für bestimmte Schiffe mit entsprechenden Lizenzen oder Freigaben. Die Anordnung erschien am selben Tag in der London Gazette.
Ende Oktober 1812 – Seide, Straußenfedern und vierzehn Jahre Verbannung
Seide und Straußenfedern gehörten zu jenen kostbaren Waren, die in der Londoner Modewelt begehrt waren. Ende Oktober spielten sie allerdings eine weniger elegante Rolle: als Gegenstand eines Strafverfahrens am Old Bailey.
In der Gerichtssitzung, die am 28. Oktober begann, wurde ein Fall um gestohlene Waren verhandelt. Zu den Angeklagten gehörte Robert Cooper, dem vorgeworfen wurde, gestohlene Seide angenommen zu haben. Cooper erklärte, er habe die Seide für Schmuggelware gehalten.
Die Richter ließen sich davon nicht überzeugen. Cooper wurde schuldig gesprochen und zu vierzehn Jahren Transportation verurteilt – einer Strafe, bei der Verurteilte zur Verbannung in eine überseeische Strafkolonie bestimmt wurden.
30. Oktober 1812 – Aufruhr um ein Schultertuch
Nicht jede Aufregung im Theatre Royal, Drury Lane, spielte sich auf der Bühne ab. Am 30. Oktober stand The Castle of Andalusia auf dem Spielplan. Doch beinahe wäre die Vorstellung durch einen Streit im Zuschauerraum überschattet worden.
Eine Dame hatte ihr Schultertuch über die Vorderseite ihrer Loge gelegt. Das missfiel anderen Zuschauern, die sich lautstark beschwerten. Die Dame beharrte darauf, das Tuch an seinem Platz zu lassen. Der Vorfall drohte zu einem Tumult auszuarten.
Überliefert ist die Begebenheit in einem Journal des Theater-Souffleurs, das heute in der Folger Shakespeare Library aufbewahrt wird. Manchmal genügte offenbar bereits ein Schultertuch, um einem Theaterabend eine unerwartete Wendung zu geben.
Damit endet unser kleiner Rückblick auf London im Oktober 1812. Zwischen Modetafeln, Regierungserlassen, Gerichtsurteilen und Theaterstreitigkeiten zeigt sich eine Stadt, in der große politische Entscheidungen und alltägliche Begebenheiten dicht nebeneinanderlagen.
Quellen und historische Nachweise
Rudolph Ackermann, Morning Costume, The Repository of Arts, Band 8, Tafel 24, 1. Oktober 1812; Los Angeles County Museum of Art.
The Gentleman’s Magazine, Oktober 1812, S. 390: New Drury-Lane Theatre.
The London Gazette, Nr. 16657, 13. Oktober 1812, S. 2059.
Old Bailey Proceedings, Oktober 1812, Prozess t18121028-9.
Journal of Prompter, 1812–1818, Folger Shakespeare Library, MS W.b.381, S. 8; besprochen in The Collation.
