Historisches zu Sebastian St. Cyr – Band 1

Whigs und Tories

Wenn sich die Frage stellt, wer einen Thron besteigen darf und welche Macht ein Monarch gegenüber seinem Parlament besitzen soll, entstehen politische Lager. Genau das geschah in England während der sogenannten Exclusion Crisis Ende des 17. Jahrhunderts.

Die einen wurden spöttisch als presbyterianische Viehtreiber (Whigs) , die anderen als katholische Räuberbande (Tories) bezeichnet.

Die Wurzeln der beiden Parteien reichen zurück bis 1679-1681, als es in England zur Explosion Crisis (Ausschlusskrise) kam.

Der Konflikt entzündete sich  daran , dass in einer protestantisch geprägten Nation der vorgesehene Thronfolger dem falschen Glauben angehörte. James, Duke of York, der Bruder und designierte Nachfolger König Charles II., war der römisch-katholischen Kirche angehörig. Die Religionskriege waren somit zumindest verbal noch nicht beigelegt.

Das Parlament spaltete sich in zwei Lager.
Die Whigs forderten, James von der Thronfolge auszuschließen sowie eine Stärkung des Parlaments gegenüber der Krone.
Die Tories verteidigten das Prinzip der göttlichen Thronfolge, die Autorität von Krone und anglikanischer Kirche.
Beide Gruppen stritten sich im Grunde um die Regelung der Erbfolge, monarchische Autorität und bestehende Verfassungsordnung.

Die Whigs scheiterten mit ihrer Forderung und 1685 wurde James II (Jakob II) gekrönt.
Doch so leicht gaben die Whigs nicht auf. Sie unterstützten weiterhin die Absetzung des katholischen Königs James II. und warben für die Einsetzung eines protestantischen Regenten.

Dies gelang mit der Glorious Revolution 1688.
James II. wurde gestürzt.
Seine  älteste Tochter protestantischen Glaubens bestieg als Mary II. gemeinsam mit ihrem Ehemann William III. aus dem Hause Oranien-Nassau den Thron.
Als Mary 1694 starb, regierte William bis 1702 alleine weiter.
Seine Nachfolge trat Marys jüngere Schwester Anne an. Mit deren Tod 1714 endete die protestantische Linie der Stuarts als Thronerben.
Die zuvor festgelegte protestantische Thronfolge brachte den ersten Regenten des Hauses Hanover, George I. als Monarch auf den britischen Thron. 

Zeitleiste

1685 – 1688 James II. aus dem Haus Stuart; katholisch
1689 – 1694 Mary II aus dem Haus Stuart und William III. aus Oranien-Nassau; protestantisch
1694 – 1702 William III.
1702 – 1714 Anne aus dem Haus Stuart; protestantisch
1714 – 1727 Georg I; Haus Hannover; protestantisch

Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurden die Tories zunehmend mit den Jakobiten, den Anhängern des Hauses Stuart in Verbindung gebracht, während die Whigs sich für einen protestantischen Thronfolger des Hauses Hannover einsetzten.

Während der Regency-Ära waren die politischen Spannungen nicht mehr so stark von Ideologie geprägt wie zuvor, doch die Parteien bestanden weiter.
Die Whigs standen tendenziell für politische Reformen und eine stärkere Bedeutung des Parlaments, während die Tories eher die bestehende gesellschaftliche und politische Ordnung, die Krone und die anglikanische Kirche verteidigten.

Leicht zu verwechseln
Jakobiner und Jakobiten – Frankreich und England

Die französischen Jakobiner

Am 30. April 1789 gründeten bretonische Abgeordnete der Nationalversammlung den Club Breton, der sich aber bald wieder auflöste.
Auf Anregung des Abgeordneten Claude-Christophe Gourdan wurde im Dezember des gleichen Jahres eine Neugründung als
„Gesellschaft der Freunde der Verfassung“ (Société des amis de la constitution) durchgeführt.

Da sich die Abgeordneten in Paris in dem ehemaligen Dominikanerkloster Saint Jacques (Jakob) trafen, etablierte sich daraus für diesen Personenkreis im allgemeinen Sprachgebrauch der Name „Jakobiner“.

Zu den bekanntesten Mitgliedern gehörten später Maximilien de Robespierre, Louis Antoine de Saint-Just, Georges Danton und Jean-Paul Marat.

Was die Jakobiner wollten

Die Jakobiner forderten die Abschaffung der Monarchie und den Aufbau einer demokratischen Republik, in der das Volk die Macht ausüben sollte.  Sie setzten sich für soziale Reformen ein, für eine Kontrolle des Brotpreises, für die Unterstützung der Armen und die Förderung von Bauern und Handwerkern. Frauen jedoch blieben von politischen Entscheidungen nach wie vor ausgeschlossen.

Die Jakobiner entwickelten sich mehr und mehr zu einem radikalen Flügel der Französischen Revolution, die letztendlich unter der Führung von Robespierre in der „Terreur“ , der Schreckensherrschaft, mündete und die Hinrichtung von König Louis XVI. vorantrieb.
Diese Schreckensherrschaft forderte in den Monaten ihres Bestehens zehntausende Opfer.
Vor allem politische Gegner wurden systematisch verfolgt und getötet oder starben während ihrer Gefangenschaft aufgrund der Haftbedingungen.

Der Sturz Robespierres und seine Hinrichtung am 28. Juli 1794 leitete das Ende der Jakobiner-Herrschaft ein.


Englands Furcht vor den Jakobinern

Noch Jahrzehnte später fürchteten Teile der britischen Öffentlichkeit und der politischen Elite, die jakobinischen Ideen könnten von Frankreich auf ihr Land überspringen und eine ähnliche Revolution auslösen.

In Großbritannien war „Jakobiner“ deshalb um 1812 weit mehr als die Bezeichnung einer französischen Revolutionsbewegung vergangener Zeiten. Der Begriff war zum politischen Schreckenswort geworden.
Wer als „Jakobiner“ bezeichnet wurde, konnte damit als Anhänger revolutionärer Ideen, als Gegner der Monarchie oder als gefährlicher politischer Radikaler abgestempelt werden. In einer Gesellschaft, die sich noch immer an die Hinrichtung Ludwigs XVI., die Schreckensherrschaft und die Kriege gegen das revolutionäre Frankreich erinnerte, war eine solche Bezeichnung keineswegs harmlos. 

Der Begriff berührte eine tiefliegende Angst vor sozialem Umsturz und dem Verlust der bestehenden Ordnung. In einer Zeit, in der Großbritannien mit Napoleon zugleich einer neuen europäischen Macht gegenüberstand.

Die englischen Jakobiten

Sie waren Anhänger König James II. (Jakob II.) und unterstützen seinen Thronanspruch sowie den seiner Nachkommen aus dem Haus Stuart. Ihr politisches Ziel lag vordringlich in der Wiedereinsetzung der Stuart-Monarchie auf den britischen Thron.
Zu den Jakobiten gehörten nicht nur Katholiken, sondern auch protestantische Tories und schottische Highland-Clans.

Zwischen 1688 und 1746 stellten die Jakobiten eine ernste militärische und politische Bedrohung für die Dynastie des Hauses Hannover dar.

Die Jakobiten organisierten mehrere bewaffnete Aufstände, um die Stuarts an die Macht zurück zu bringen.
Dabei wurden sie von den Hauptfeinden Großbritanniens, Frankreich und zeitweise auch Spanien, unterstützt. Vor allem Frankreich sah darin eine Gelegenheit, die britische Position in Europa zu schwächen.

Damit waren die Jakobiten nicht nur innenpolitisch gefährlich, sondern auch aussenpolitisch in die europäische Machtpolitik des 18. Jahrhunderts verwickelt.

Die jakobitischen Aufstände hatten auch erhebliche wirtschaftliche Folgen. Vor allem in Schottland und den Highlands kamen Handel und Versorgung in vielen Gebieten zeitweise zum Erliegen. Für die britische Regierung verursachten die militärische Niederschlagung des Aufstands sowie die anschließenden Festnahmen mit Versorgung der Gefangenen, die Prozesse und Verurteilungen erhebliche Kosten.

Mit der Schlacht von Culloden 1746 war die jakobitische Bewegung militärisch und politisch gebrochen. Danach ging die britische Regierung daran, die Grundlagen der jakobitischen Macht in den Highlands dauerhaft zu beseitigen. Die Clans wurden entwaffnet, ihre traditionellen Herrschaftsrechte eingeschränkt und das Tragen der Highland-Kleidung verboten. Damit sollte nicht nur ein weiterer Aufstand verhindert, sondern auch die politische und gesellschaftliche Ordnung der Highlands grundlegend verändert werden.

Die jakobitische Sache war damit als politische Bewegung weitgehend zerschlagen, doch die Erinnerung an die Stuarts und an Culloden blieb in Teilen Schottlands lebendig.

Die Jakobiten in historischen Romanen der Regency-Ära

Durch ihr politisches Schicksal bieten die Jakobiten reichlich Stoff für Geschichten über geheime Verbindungen und Verschwörungen.
Die Loyalität der Schotten zu ihrem Land und ihrer Kultur sorgen für tiefgreifende gesellschaftliche und persönliche Konflikte.
In historischen Romanen können sie zum Symbol einer Widerstandsbewegung werden, in der kulturelle Eigenständigkeit und die Erinnerung an die Niederlage von Culloden fortleben.

Westminster – zwischen Politik, Krone und Kirche

Wer heute an Westminster denkt, hat vermutlich sofort die berühmte neugotische Silhouette des Palace of Westminster vor Augen. Dieses Bild gehört allerdings noch nicht in Sebastians London: Das heutige Parlamentsgebäude entstand erst nach dem verheerenden Brand von 1834.

Westminster liegt im Herzen des politischen Londons. Hier konzentrieren sich Institutionen, die für die britische Monarchie und das politische Leben des Landes von zentraler Bedeutung sind: das Parlament, die Westminster Abbey und der Palace of Westminster.

Für die Menschen des Jahres 1811 war Westminster deshalb nicht nur ein Stadtteil, sondern ein Ort politischer Macht und gesellschaftlicher Bedeutung. Im Parlament wurden die politischen Auseinandersetzungen zwischen Whigs und Tories ausgetragen, während die nahe Westminster Abbey seit Jahrhunderten eng mit der britischen Monarchie verbunden war.

Auch Sebastian St. Cyr bewegt sich in diesem Spannungsfeld. Adel, Politik, Kirche und Justiz liegen in Westminster räumlich dicht beieinander und machen den Stadtteil zu einem passenden Schauplatz für einen Mordfall, dessen Spuren bis in die höchsten Kreise der Gesellschaft führen.