Samain oder Halloween?
Echtra Nerai – Neras Abenteuer
Halloween bzw. Samhain ist keine moderne Erfindung, und die Verbindung des Festtermins mit außergewöhnlichen Vorgängen begegnet uns bereits in einer mittelalterlichen irischen Überlieferung.
Die Echtra Nerai („Neras Abenteuer“) entstand vermutlich im 10. oder 11. Jahrhundert und ist in jüngeren mittelalterlichen Handschriften überliefert. Sie spielt zur Zeit von Samain, einem Fest, das in der irischen Sagenwelt eng mit der Anderswelt verbunden ist.
Quelle :
Grundlage der Nacherzählung ist Kuno Meyers Übersetzung von „Echtrae Nerai“, erschienen 1889 in der Revue Celtique.
Meyers Übersetzung von 1889 gibt das irische Samain als „Halloween“ wieder
Mächtig erhob sich Rath Cruachan, der Herrschaftssitz des Königspaares Ailill und Medb, über der Landschaft Connachts.
Auf dem höchsten Punkt erbaut, blickte es weit in die Ebene hinein und war selbst aus großer Entfernung zu erkennen.
Doch nicht in dieser Nacht. Finster war es, sehr finster.
Am Himmel standen dicke, lichtverschluckende Wolken, die die Stille bisweilen durch ein Grummeln und Grollen unterbrachen.
Der Hofstaat hatte sich in der Halle um das Königspaar geschart, um das Nachtmahl zu Samain einzunehmen.
Draußen, außerhalb der Einfriedung, für jedermann zu sehen, hingen zwei Männer an einem Strick um den Hals, der sie tags zuvor vom Leben zum Tod befördert hatte.
Mutwille befiel Ailill in dem ausgelassenen Gelage und er versprach demjenigen eine Belohnung, der einem der Gehängten eine Weidenrute um den Fuß zu binden vermochte.
Seine Männer waren stolze Kämpfer, die jedem Feind furchtlos gegenübertraten.
Diese Nacht war anders.
Sie wagten sich hinaus. Einer nach dem anderen. Keiner wollte als Feigling gelten, der eine Begegnung mit den Naturgeistern scheute oder Angst vor Toten hatte.
Selbst die Gefahr, ein Dämon könnte ihnen auflauern, hielt sie nicht davon ab, in die Düsternis hinauszugehen.
Rasch, zu rasch kamen sie ins Haus zurück. Einer nach dem anderen.
Nera, als letzter Mann im Gefolge, sprach seinen König an: „Ich werde gehen und den Preis von dir erhalten.“
„Gelingt es dir, sollst du mein Schwert mit dem goldenen Griff bekommen.“
Nera legte seine Rüstung an, stieg den Hügel hinunter und noch ein Stück weiter, bis er zum Richtplatz kam. Stille und Dunkelheit umgaben ihn und die Gehängten.
Mit der Weidenrute in der Hand trat Nera zu einem der Männer und wickelte die Rute um dessen Fuß. Der Körper des Gehängten bewegte sich leicht bei der Berührung. Nera ließ die Rute los. Sie sprang vom Fuß.
Er tastete auf dem von der Nachtkälte feuchten Boden nach der Weidenrute, fand sie und wickelte sie ein zweites Mal um den Fuß des Gehängten.
Wieder löste sie sich und fiel zu Boden. Nera suchte nach ihr und hörte ein Geräusch.
War da ein Ächzen?
Er hielt inne und lauschte. Nur das leise Knarren des Henkerseils war zu hören und in der Ferne ein kurzes Grummeln über ihm im Himmel.
Nera ergriff erneut den Fuß des Gehängten und wickelte die Weidenrute ein drittes Mal darum.
Er bückte sich nach der Rute, als über ihm eine raue, heisere Stimme erklang:
„Ohne menod taccuir wird es dir nicht gelingen; nicht bis zum Morgengrauen und nicht darüber hinaus.“
Und der Gehängte erklärte ihm die richtige Weise, die Rute zu befestigen.
Als sie angebracht war und hielt, lobte der Gehängte Nera erst für dessen Mut und verlangte dann: „Nimm mich auf deine Schultern, damit ich zu Trinken bekomme. Ich habe immer noch großen Durst, seit ich gehängt wurde.“
Nera hob ihn vom Galgen und setzte ihn sich auf die Schultern.
Auf Geheiß des Gehängten trug Nera ihn zu einem Haus, das in der Nähe lag
und von einem Feuer umgeben war.
Bei diesem Anblick erklärte der Gehängte, hier könne er seinen Durst nicht löschen und drängte Nera, weiterzuziehen.
So gingen sie zum zweiten Haus, das von großen Wasserlachen umringt war.
„Geh nicht hinein“, sagte der Gehängte. „Dort steht kein Bottich oder Kübel bereit.“
So konnte der Gehängte auch dort nichts bekommen und sie setzten ihre Suche fort.
Beim dritten Haus war der Gehängte zufrieden.
„Hier bekommen wir zu trinken“, sagte der Gehängte und ließ sich absetzen.
Alles war still und ruhig, als er das Haus betrat. Alles schlief.
Bottiche mit Wasser zum Waschen und Baden sowie ein voller Schmutzkübel standen vor ihm.
Er trank aus den Bottichen und dem Kübel, dann spritzte er den letzten Schluck aus seinem Mund auf die Schlafenden, worauf sie alle starben.
Seit jener Nacht galt die Regel, ein Feuer am Glühen zu halten, Wasch- und Badegefäße auszuleeren und Schmutzkübel hinauszubringen.
Nera trug den Gehängten zur Todesstätte zurück, hängte ihn auf, wie er ihn gefunden hatte und kehrte heim nach Cruachan.
Aus dem Herrschaftssitz loderten Flammen in den Nachthimmel empor. Rauch und Ruß erfüllten die Luft. Ein Prasseln, einem Trommelwirbel gleich, drang an sein Ohr.
Im Feuerschein erblickte er die abgeschlagenen Köpfe seiner Leute, kopflose Körper verstreut auf der Anhöhe und im Feld.
Verschwommen sah Nera ein Heer von Kriegern vom Hügel fortziehen und er folgte ihm.
Der letzte Mann des Zuges bemerkte Nera, klopfte seinem Vordermann auf die Schulter und raunte ihm zu: „Ein Mann folgt uns !“
Sein Gefährte gab die Beobachtung weiter und dieser wieder an seinen Nächsten, bis alle es wussten.
Sie erreichten die Höhle von Cruachan und betraten den Síd,
Kaum hatte Nera die Schwelle überschritten, schlug ihm warme, feuchte Luft entgegen. Die Kälte der Samainnacht blieb hinter ihm zurück. Schon nach wenigen Schritten schwitzte er unter seiner schweren Felljacke. Er zog sie aus und hängte sie sich locker über die Schulter.
In einigem Abstand folgte er den Kriegern durch eine Landschaft mit sanften Hügeln.
Als sie den Dún erreichten, zeigten die Krieger ihrem König die abgeschlagenen Köpfe ihrer Gegner und berichteten, was geschehen war.
Der König befahl, den Mann, der ihnen gefolgt war, zu ihm zu bringen. Und so geschah es.
Umringt von Kriegern kam Nera zum König, der ihm auftrug, zu einer Frau zu gehen, die alleine in einem Haus lebte. Nera sollte jeden Tag Brennholz zum Dún bringen.
Nera gehorchte dem Befehl des Königs und suchte die Frau auf, die ihn freundlich begrüßte und ihn in ihr Haus einlud.
Jeden Tag trug Nera eine Last Brennholz zum Herrschaftssitz des Síd-Königs.
Der Weg führte ihn durch die sanft gewellten Hügel, vorbei an den kleinen Häusern des verborgenen Volkes.
Jeden Morgen begegnete Nera zwei Männern, die aus dem Tor des Dún kamen.
Ein Blinder trug einen Lahmen auf seinen Schultern zum Brunnen, der dort stand.
Jeden Morgen hörte Nera von den beiden Männern die gleichen Worte.
Einer fragte, ob „sie“ noch da sei. Der andere antwortete : „Ja, lass uns gehen.“
Drei Tage und drei Nächte schienen vergangen, seit Nera im Síd angekommen war, als er mit der Frau über die beiden Männern und den Zweck ihres Besuches am Brunnen sprach.
„Einfach erzählt“, sagte sie. „Ein Diadem aus Gold, die Krone des Königs, ist in dem Brunnen verborgen. Der König vertraut ihnen den Gang zur Krone an.“
„Setz dich zu mir“, sagte Nera, der auf einer Bank vor dem Haus saß, und deutete auf den Platz neben sich. „Höre, was ich erlebt habe und sage mir, was du darüber weißt.“
„Was hast du gesehen?“, fragte die Frau.
„Einfach erzählt“, sagte Nera und ließ seinen Blick über die ihm fremde und doch vertraute Landschaft schweifen. „Das Dún von Cruachan brannte lichterloh. Ailill und Medb und viele andere sind darin umgekommen oder wurden im Feld getötet.“
„Das ist noch nicht geschehen“, sagte die Frau, „aber ein Heer des Síd kommt, sie zu überfallen. Tue dies deinen Freunden kund, damit es nicht wahr werde.“
„Was also soll ich tun?“
„Die Feenhügel Erinns öffnen sich stets um Samain. Geh zu deinen Leuten zurück und sag ihnen, sie sollen den Síd vor dem kommenden Samain zerstören und die Krone von Briún zu sich holen.“
Seine Frau im Síd sagte ihm, sie würde ihm während seiner Abwesenheit einen Sohn gebären und riet ihm, Sommerfrüchte nach Cruachan mitzunehmen, als Beweis dafür, dass er im Síd gewesen war.
Nera kehrte mit Bärlauch, Primeln und goldenem Farn nach Cruachan zurück. Dort waren die Äcker abgeerntet, die Bäume kahl und die Sträucher ohne Früchte. Die Nacht war so finster, wie er sie verlassen hatte.
In der Halle fand er seine Gefährten noch beim selben Mahl versammelt. Nera erzählte ihnen von seinem Abenteuer und seinen Erlebnissen.
Er sprach von sanften, grünen Hügeln, schmucken Häusern, erwähnte Schätze von Edelsteinen, reich verzierte Kleidung, Nahrung im Überfluss und allerlei kostbare Dinge. Dann warnte er seinen König vor der Gefahr, die Rath Cruachan bevorstand.
Der König entschied, sie würden zum nächsten Samain gegen den Síd ziehen.
Ailill überreichte ihm das versprochene Schwert und Nera blieb bis zum Ende des Jahres bei seinen Leuten.
Es war das Jahr, in dem Fergus mac Roich, aus Ulster verbannt, mit seinen Männern zu Ailill und Medb nach Cruachan kam.
Als die Zeit gekommen war und Samain nicht mehr fern, erlaubte Ailill seinem Gefolgsmann Nera, in den Síd zu gehen.
Drei Tage vor Samain verließ Nera den Dún.
Dichter Nebel hatte sich über die Äcker und Wiesen gelegt. Dunkles, feuchtes Laub lag auf dem Weg, der ihn zur Höhle von Cruachan führte.
Als er in den Síd eintrat, blendete ihn helles Sonnenlicht und er schirmte seine Augen mit den Händen ab.Während er durch die sanfte Hügellandschaft weiterging, wurde ihm unter seinen Kleidern warm.
Im saftig grünen Gras sah er Blumen in einer Fülle, die für diese Jahreszeit unmöglich sein konnte.
Die Luft roch nach Erde und frisch geschnittenem Gras. Irgendwo lag ein süßer Blütenduft darin, den Nera nicht kannte.
Als Nera am Haus ankam, schloss seine Frau ihn freudig in die Arme. Sie brachte ihm ein kühles Getränk und führte ihn zu dem Kind.
„Sieh, das ist dein Sohn Aingene.“
Nera beugte sich über den Winzling und berührte die kleine Hand, die seinen Finger erstaunlich kräftig ergriff. Nera blieb eine Weile verwundert stehen.
Während er seinen Sohn betrachtete, erzählte seine Frau, wie es ihr in seiner Abwesenheit ergangen war. Sie hatte das Vieh gehütet und jeden Tag Brennholz zum Dún getragen. Dem König hatte sie gesagt, Nera sei krank.
„Für heute liegt das Holz schon bereit“, sagte sie und deutete auf einen Stapel neben der Tür.
Schließlich schulterte Nera das Holz und machte sich auf den Weg zum König, der Neras Genesung begrüßte. Der König äußerte jedoch seinen Unmut darüber, dass die Frau ohne seine Erlaubnis mit Nera das Lager geteilt hatte. Nera versicherte ihm, sich seinem Willen zu fügen.
Nachdem er das Holz zu den übrigen Vorräten gelegt hatte, kehrte er zum Haus zurück.
„Hüte heute das Vieh“, bat ihn seine Frau. „Eine der Kühe habe ich Aingene gleich nach seiner Geburt geschenkt.“
Nera trieb die Tiere auf eine frische Weide. Während sie grasten, setzte er sich im Schatten eines Baumes ins Gras und lehnte sich an den Stamm.
Ein tiefer Schlummer bemächtigte sich seiner.
Da erschien Morrigan, die Kriegs- und Schicksalsgöttin, in der Ebene.
Eine Zeit lang beobachtete sie die Tiere. Dann holte sie die Kuh von Neras Sohn aus der Herde und brachte sie nach Osten, in das Land von Cú Chulainn.
Dort folgte der Stier Donn Cúailnge seiner Natur und besprang die Kuh.
Auf ihrem Rückweg nach Westen durchquerten Morrígan und die Kuh die Ebene von Murthemne, als ihnen Cú Chulainn begegnete.
„Diese Kuh darfst du nicht mitnehmen“, sagte er.
Eines seiner Gebote verlangte, dass niemand sein Land ohne sein Wissen verließ, auch keine Frau.
Nera kehrte am Abend mit dem Vieh zum Haus zurück und gestand, dass die Kuh des Sohnes fehlte. Seine Frau fand tadelnde Worte für seine Nachlässigkeit.
Da kam die Kuh alleine, einem Wunder gleich, von selbst zum Haus und gesellte sich wieder zur Herde, in deren Schutz sie ein Stierkalb gebar.Im Síd verlor Nera jedes Gefühl für die Zeit. Tage gingen dahin, dann Wochen, vielleicht Monate, ehe seine Frau verkündete:
„Die Zeit ist gekommen. Samain ist nahe.“
So trieb Nera die Herde aus dem Síd.
Das Stierkalb brüllte dreimal, als es aus dem Síd hinausging.
In derselben Stunde spielten Ailill und Fergus ein Brettspiel, als sie das Brüllen des Stierkalbs in der Ebene hörten.
Fergus hob den Blick, sah erst in die Ebene hinunter und dann Ailill an:
„Das Gebrüll von diesem Kalb gefällt mir nicht. Es ist der Sohn des Donn Cualnge, des großen Stiers von Cualgne. Hütet euch vor ihm! Kälber werden ohne ihre Kühe sein auf Bairche in Cualgne, und der König wird wegen dieses Kalbes mit seinem Heer aufbrechen.“
Noch wusste niemand, was Fergus‘ Worte bedeuteten. Doch das Kalb, das eben erst aus dem Síd gekommen war, sollte tatsächlich zum Anlass eines Krieges werden.
Die Herde von Cruachan graste unten in der Ebene.
Dort traf das junge Stierkalb auf Findbennach, Ailills großen Stier.
Eine Nacht und einen Tag kämpften die beiden in der Ebene von Cruachan, bis der junge Stier schließlich unterlag. Doch selbst besiegt, ließ er noch einmal ein gewaltiges Brüllen hören.
Medb fragte den Rinderhirten, was das Brüllen des besiegten Kalbes zu bedeuten habe. Doch bevor er antworten konnte, mischte sich Bricriu ein.
„Das weiß ich längst, Vater Fergus. Es klingt genauso wie dein Gesang von heute Morgen.“
Fergus schlug ihm mit der Hand gegen den Kopf. Dabei hielt er fünf Spielsteine in der Faust, die sich in Bricrius Kopf bohrten und eine bleibende Verletzung hinterließen.
Medb ließ sich davon nicht abbringen und wandte sich erneut an den Rinderhirten.
Nun erfuhr sie, was das Kalb gebrüllt hatte.
Wenn sein Vater, der Donn von Cualgne, gegen ihn kämpfen würde, dann würde Findbennach besiegt und in der ganzen Ebene von Cruachan nicht mehr gesehen werden.
Da schwor Medb bei den Göttern ihres Volkes: „Keine Nacht werde ich auf einem weichen Lager verbringen, keine Ruhe auf einem Federbett finden. Weder Buttermilch noch rotes oder weißes Bier werde ich trinken, keine Speise anrühren, bis ich die beiden Stiere vor meinen Augen kämpfen sehe.“
Danach zogen die Männer von Cruachan gemeinsam mit Fergus und seinem verbannten schwarzen Heer in den Síd, zerstörten ihn und brachten die Krone des Briún fort.
Nera blieb bei seiner Familie im Síd und ist bis heute nicht herausgekommen.
